Migränekopfschmerzen
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Etwa 6-8% der männlichen Bevölkerung leidet unter Migränekopfschmerzen, bei Frauen sind es 16-24%. Interessant ist die Feststellung, daß nur 50% der Mig ränpatienten wegen dieser Erkrankung zu Arzt gehen, 30% befinden sich regelmäßig in ärztlicher Behandlung (Diener 1997).
Migränekopfschmerzen
sind in besonderem Maße geeignet, das
körperliche Allgemeinbefinden beträchtlich zu stören. Das Beschwerdebild tritt
nicht einheitlich auf, sondern in den verschiedensten Variationen. Von Bedeutung
ist deshalb bei
Migräne eine genaue
Anamnese
(= Erhebung der Vorgeschichte).
Diese erlaubt nicht nur eine exakte
Klassifikation (=
Bestimmung der Migränetypen), sondern
kann Hinweise auf mögliche organische Ursachen geben und ist dann
richtungsweisend für weiterführende Untersuchungen.
Es empfiehlt sich, auch bei Patienten mit Migränekopfschmerzen
einen standardisierten Fragebogen zu verwenden, um möglichst alle
Kriterien zu erfassen. Lokalisation, Dauer und Häufigkeit von
Kopfschmerzen sowie
Angaben zur Schmerzqualität sind genau zu erfragen. Für die Therapie kann die
Kenntnis spezifischer Auslösesituationen oder- mechanismen von großem Wert sein.
Dazu gehört auch die Frage nach bisherigen erfolglosen Therapieversuchen. Der
Patient ist zu Recht enttäuscht, wenn ihm Methoden, die ihm bisher keine
Erleichterung brachten, noch einmal angeboten werden.
Erfolg oder Mißerfolg in der Behandlung von Migränekopfschmerzen wird, besonders
bei Versuchen zur Prophylaxe
(= Vorbeugung)
von Migränekopfschmerzen,
erst durch Dokumentation aller
Kopfschmerzereignisse über einen längeren Zeitraum (Mig
räne-Tagebuch) beurteilbar.
Wichtig ist auch die Erhebung einer biographischen Anamnese
(= Erhebung der Vorgeschichte
unter psychosozialen Aspekten),
um den Einfluß psychischer Belastungen auf das Schmerzgeschehen im Sinne einer
Beschwerdeverstärkung oder gar -auslösung beurteilen zu können.
Migränekopfschmerzen
treten in typischer Weise anfallsartig,
bevorzugt halbseitig (Hemikranie)
auf, begleitet von Übelkeit bis hin zu Erbrechen, Lärm- und
Lichtempfindlichkeit. Darüber hinaus kann es zu Ner
ven- und Sehstörungen kommen. Fast
regelmäßig wird die Schmerzqualität als pulsierend, pochend und hämmernd
angegeben.
Fast jedem Mig
ränepatient sind sind auslösende Faktoren
bekannt, hauptsächlich der Genuß von Alkohol, insbes. Rotwein, oder bestimmte
Käsesorten.
Ätiologie (= Krankheitsursache) und Pathogenese (= Krankheitsentwicklung) der Migränekopfschmerzen sind letztlich noch nicht sicher geklärt. Nach der IHS-Klassifikation von 1988 gibt es hauptsächlich zwei Gruppen: Mig räne mit und ohne Aura. Die frühere Einteilung in einfache, klassische und komplizierte Mig räne wurde aufgegeben.
Die einzelnen Mig räne-Typen (IHS-codierte Klassifikation )(Göbel 1994) sind:
| Mig räne ohne Aura |
| Mig räne mit Aura |
| Mig räne mit typischer Aura |
| Mig räne mit prolongierter Aura |
| Familiäre hemiplegische Aura |
| Migräneaura ohne Kopfschmerz |
| Mig räne mit akutem Aurabeginn |
| Ophthalmoplegische Mig räne |
| Retinale Mig räne |
| Periodische Syndrome in der Kindheit als möglicher |
| Vorläufer oder Begleiterscheinungen einer Mig räne |
| Gutartiger paroxysmaler Schwindel in der Kindheit |
| Alternierende Hemiplegie in der Kindheit |
| Mig ränekomplikationen: |
| Status migraenosus |
| Migränöser Infarkt |
| Migräneartige Störungen, die die genannten Kriterien nicht erfüllen |
Die genaue Klassifikation der Migränekopfschmerzen ist manchmal nicht ganz einfach, weshalb nachstehend einige Erläuterungen folgen:
Als typische Anfangssymptome von
Migränekopfschmerzen (Aura) gelten Sehstörungen, (halbseitige) sensible
und motorische (=
Bewegungs-) Störungen sowie Dysphasie
(=
Sprachausdrucksstörungen). Die
Krankheitszeichen entwickeln sich i.d.R. über einen Zeitraum von fünf bis 30
Minuten und klingen innerhalb einer Stunde wieder völlig ab.
Migränekopfschmerzen mit prolongierter
(= verlängerter)
Aura liegen dann vor, wenn zumindest
ein typisches Symptom länger als 60 Minuten und weniger als eine Woche anhält.
Bei familiären hemiplegischen
(= mit einer
Halbseitenlähmung
einhergehenden)
Migränekopfschmerzen besteht bei
mindestens einem Verwandten (1. Grad) das gleiche Krankheitszeichen.
Bei der
Basilaris-Migräne
gehen die
Kopfschmerzen
mit Krankheitszeichen des Gehirns einher (z.B. Schwerhörigkeit, Doppelsehen,
sensible oder motorische Störungen, Schwindel).
Nach Göbel (1994) ist es umstritten, ob die
Kopfschmerzen
bei der ophthalmoplegische Mig
räne
(Schmerzattacken,
die mit einer Lähmung der Augenmuskeln einhergehen) überhaupt der Mig
räne
zugeordnet werden können.
Gleiches gilt für die periodischen Syndrome in der Kindheit
(anfallsartiger Schwindel und abwechselnde
Halbseitenlähmung,
in Verbindung mit Störungen der Hautempfindlichkeit oder Beweglichkeit sowie
vegetativen Krankheitszeichen, möglicherweise sind diese Erscheinungen
epileptiformer (=
fallsuchtartiger) Natur).
Bei der "kindlichen Mig
räne"
können auch
Bauchschmerzen mit
Übelkeit bis hin zu Erbrechen auftreten, gelegentlich auch ein
Temperaturanstieg, ohne daß Migränekopfschmerzen vorliegen.
Bei der retinalen Mig
räne
sind die Migränekopfschmerzen von einem einseitigen
Gesicht
sfeldausfall oder gar Erblindung begleitet, was bis zu einer Stunde
anhalten kann.
Als Mig
ränkomplikation
ist der Status migraenosus zu nennen, gekennzeichnet durch eine Dauer der
Kop
fschmerzen von mehr als 72 Stunden Dauer, trotz Behandlung. Eine weitere
Komplikation ist der migränöse Infarkt. Dieser liegt vor, wenn ein
ischämischer (= durch
Blutmangel bedingter) Infarkt
nachweisbar ist, oder die Aurasymptomatik (= anfängliche Krankheitszeichen einer Mi
gräne)
nicht innerhalb von 7 Tagen völlig abklingt.
Behandlung von Migränekopfschmerzen: Zunächst muß der Patient eingehend über die Migräneerkrankung aufgeklärt und über die Behandlungsmöglichkeiten informiert werden. Auf anamnestisch (= aus der Vorgeschichte) eruierte auslösende Faktoren (z.B. Schokolade, Käse, Rotwein) sollte besonders eingegangen werden. Hinweise auf eine vernünftige Lebensweise sind hilfreich, so z.B. regelmäßige Ruhezeiten, maßvolle körperliche Aktivitäten, möglichst Verzicht auf Alkohol und Nikotin und Vermeidung von Streß situationen.
Behandlung akuter Migränekopfschmerzen:
Ganz wichtig ist der Hinweis, daß
Analgetika (=
Schmerzmittel)
möglichst frühzeitig einzunehmen sind, d.h., der Patient darf nicht abwarten,
bis das Vollbild des Mig
räne -
Kopfschmerz es
eingetreten ist, sondern die Medikamenteneinnahme soll schon bei den ersten
Anzeichen erfolgen. Als Mittel der ersten Wahl gilt bei Migränekopfschmerzen
noch immer die Einnahme von Acetylsalicylsäure (ASS)(z.B. Aspirinâ)
1-1,5 g. Bei ungenügender Wirkung von ASS empfiehlt sich ein Versuch mit
Paracetamol (z.B. ben-u-ronâ
), 1-1,5 g (in Form von Tbl., Saft oder Zäpfchen). Nichtsteroidale
Antirheumatika (z.B. Naproxen, Diclofenac, Ibuprofen) sind gegen
Migränekopfschmerzen ebenso wirksam wie ASS bei vergleichbarer oder geringerer
Nebenwirkungsrate. Besonders magenschonend und auch entzündungshemmend sind
die sog. COX-2 Inhibitoren, z.B. Parecoxib (Dynastat®) oder
Etoricoxib (Arcoxia®), allerdings scheint diese Stoffgruppe mit einem
Herz-/Kreislauf-Risiko verbunden zu sein, zumindest bei längerer Therapiedauer.
Es bleibt abzuwarten, ob Parecoxib und Etoricoxib nicht auch noch vom Markt
genommen werden, wie schon andere Mittel dieser Stoffgruppe zuvor. Bewährt hat
sich bei stärkeren Migränekopfschmerzen auch die Kombination von 1g ASS mit 1g
Paracetamol. Auch ein Therapieversuch mit Metamizol (z.B. Novalginâ
) ist manchmal lohnend.
Ein potentes
Migränemittel ist
der Serotoninagonist
(= Mittel, das dem Gewebshormon Serotonin entgegenwirkt)
Sumatriptan (Imigran®). Initiale Dosierung: 100mg zum Einnehmen oder 6mg
unter die Haut gespitzt. Bei Wiederauftreten von Kop
fschmerzen maximal zwei Verabreichungen
in 24 Std. Häufiger wurde über ernstzunehmende Nebenwirkungen berichtet, auch in
den Medien. Bei Beachtung der Anwendungsbeschränkungen kann das Verhältnis von
Wirksamkeit und Verträglichkeit jedoch als günstig angesehen werden (Tfelt-Hansen
1993). Wegen des relativ hohen Preises dürfte Sumatriptan (gilt auch für andere
Triptane) allerdings erst dann zum Einsatz kommen, wenn andere Mig
ränemittel nicht den gewünschten Erfolg
bringen.
Zwischenzeitlich gibt es weitere Triptane, z.T. auch als (Nase
n-) Spray zum schnelleren Wirkungseintritt: Zolmitriptan (AscoTop 2,5®,)
Naratriptan (Naramig®, als Formigran® rezeptfrei),
Rizatriptan (Maxalt®), Almotriptan (Almogran®), Frovatriptan (Allegro®)
und Eletriptan (Relpax®). Zur Behandlung der hemiplegischen,
ophthalmoplegischen oder
Basi
larimigräne
sind Triptane allerdings nicht geeignet.
Ergotaminpräparate sind
klassische Pharmaka zur Kupierung von Migränekopfschmerzen, wegen der möglichen
Nebenwirkungen jedoch nicht ganz unproblematisch. Die Gefahr einer
Gewöhnung und Auslösung eines zusätzlichen
Dauerkopfschmerzes steigt mit zunehmender Einnahmehäufigkeit. Aus diesem Grunde
sollten bei Migränekopfschmerzen pro Woche nicht mehr als 6mg Ergotamintartrat
und pro
Migräneattacke
nicht mehr als 4mg eingenommen werden (Göbel, Ensink et. Soyka
1994).
Grundsätzlich gilt auch hier, daß bei Migränekopfschmerzen die Verwendung von
Mischpräparaten (z.B. Ergotamintartrat mit Koffein oder Prophyphenazon, Codein,
Paracetamol usw.) strikt vermieden werden soll. Auf dieser Therapiestufe kann
auch Dihydroergotamin (Hydergin®) i.m. (= in den Muskel)
oder ganz langsam i.v.
(= in eine Blutader) versucht
werden (1-1,5mg).
Besonders bei ausgeprägten vegetativen Mig
räne-Begleiterscheinungen hat sich die zusätzliche Gabe von 1-2 mg
Flunitrazepam (z.B. Rohypnol®)
(= ein Schlafmittel) sehr bewährt,
auch unter dem Aspekt, Schmerzmittel einzusparen, zumal die Patienten in dieser
Situation ohnehin das Bedürfnis haben, sich hinzulegen.
Werden Migränekopfschmerzen von Nausea
(= Übelkeit, Brechreiz) und Erbrechen begleitet (evtl. auch schon vor dem erwarteten Auftreten
dieser Symptome), ist die Verabreichung von Metoclopramid (z.B. Paspertin®)
sehr wirksam, zum Einnehmen oder als Zäpfchen bis zu 20mg, i.m. oder i.v. 10mg.
Metoclopramid sollte nicht an Kinder unter 10 Jahren verabreicht werden. Es ist
vorteilhaft, diese Substanz vor einem Analgetikum
(= Schmerzmittel)
einzunehmen, weil Metoclopramid die Darmtätigkeit steigert und somit die
Resorption (=
Aufnahme im
Darm) weiterer verabreichter Substanzen fördert. Alternativ kann auch der
Dopamin-Antagonist Domperidon (z.B. Motilium®) verwendet werden, Tabletten oder
Tropfen bis zu 30mg.
Unter stationären Bedingungen, denkbar auch in einem separaten Raum innerhalb
einer Praxis, hat sich bei Migränekopfschmerzen die Verabreichung einer Infusion
(500ml Kochsalzlösung) mit 1g ASS (Aspisol®) kombiniert mit 10mg Metoclopramid
(z.B. Paspertin®) und 1-2mg
Flunitrazepam (z.B. Rohypnol®) sehr bewährt, bei heftigen
Schmerzen zusätzlich
50-100mg Tramadol (z.B. Tramal®).
Die therapeutische
Lokalanästhesie
(= Behandlung mit
einem örtlichen
Betäubungsmittel)
ist im bereits voll entwickelten akuten
Migräneanfall wenig
hilfreich. Allerdings kann bei frühzeitiger Durchführung die Symptomatik in
vielen Fällen abgeschwächt werden, so daß oftmals Analgetika
(= Schmerzmittel)
gar nicht oder in weit geringerer Dosierung als sonst üblich eingenommen werden
müssen.
Wir blockieren vorzugsweise mit Bupivacain 0,5% die
Nerven
supraorbitales (=
Nerven an der Augenbraue) (je ca.
0,5ml), occipitales major
(= Nerven am Hinterkop
f) (je ca. 1ml) und minor (je ca. 0,5-1 ml) und infiltrieren die
Schläfenregion beiderseits (je ca. 1-2ml). Obwohl Migränekopfschmerzen
meist nur einseitig auftreten, hat es sich bewährt, diese Behandlung nicht nur
auf die aktuell betroffene Kopfhälfte zu beschränken.
Wenn heftige Migränekopfschmerzen gehäuft (mehrmals pro Woche) auftreten, sind
im Rahmen einer stationären Behandlung schmerzseitige Blockaden
(= Betäubungen) des
Ganglion stellatum
(= vegetative Schaltstelle im
seitlichen Halsbereich) bzw. auch des
Ganglion cervicale superius
(= vegetative
Schaltstelle im Rachenbereich) mit
einem lang wirkenden
Lokalanästhetikum
sehr hilfreich.
Arten die Migränekopfschmerzen in einen Status migraenosus
(= länger als 72h anhaltende Migränekopfschmerzen)
aus, so ist dies eine Indikation
(= Anzeige)
zur stationären Aufnahme.
Bewährt hat sich die mehrmalige (2-3x in 24 Std.) Verabreichung von 1-2mg
Flunitrazepam (z.B. Rohypnol®), initial zusammen mit 40mg Prothipendyl (z.B.
Dominal forte®), sowie eine Tropfinfusion mit 100 mg
Tramadol, 1g
Aspisol® und 10-20mg Metoclopramid. Bei anhaltendem Erbrechen sollte mit der
Gabe von Dehydrobenzperidol (z.B. 2,5 mg i.m.) nicht gezögert werden.
Allgemeinmaßnahmen bei
Migräneanfälle
n bestehen in Reizabschirmung (ruhiges und verdunkeltes Zimmer).
Prophylaktische
(= vorbeugende) Behandlung bei
Migränekopfschmerzen:
Nicht immer sind die Patienten
bereit, auch im schmerzfreien Intervall konsequent Medikamente einzunehmen, so
daß oftmals eine ausführliche Aufklärung erforderlich ist. Eine Vorbeugung der
Migränekopfschmerzen sollte nur dann erfolgen, wenn die Migränekopfschmerzen
mindestens zweimal pro Monat auftreten. Nach Göbel und Soyka
(1994) ist die Indikation auch gegeben, wenn im bisherigen Verlauf mindestens
zweimal ein Status migraenosus, eine prolongierte
(= verlängerte)
Aura oder einmalig ein migränöser Infarkt
(= Gewebszerstörung in
bestimmten Hirnbereichen infolge von Sauerstoffmangel) aufgetreten sind.
Als Mittel der ersten Wahl gelten Beta-Rezeptorenblocker
(= eigentlich Blutdruckmittel, die aber bei Migränekopfschmerzen hilfreich
sind). Allerdings haben nicht alle
Substanzen aus dieser Gruppe eine vorbeugende Wirkung auf Migränekopfschmerzen.
Relativ sicher wirken Propanolol und Metoprolol (Diener 1989); beide
Substanzen werden langsam einschleichend dosiert. Die tägliche Höchstdosierung
für Metoprolol (z.B. Beloc®) beträgt 200mg, für Propanolol (z.B. Dociton®)
240mg. Bei Ausbildung nicht tolerierbarer orthostatischer
(= den Kreislauf betreffende)
Störungen oder einer Bradykardie
(= zu langsamer Puls)
muß die Behandlung abgebrochen werden (ausschleichend). In der Einschleichphase
müssen daher regelmäßige Puls- und Blutdruckkontrollen durchgeführt werden. Die
Wirkungsweise der Beta-Blocker in Bezug auf Migränekopfschmerzen ist noch nicht
sicher bekannt.
Zur Intervall-Behandlung bei Migränekopfschmerzen eignen sich auch
Kalzium-Antagonisten
(= ein Mittel das der Wirkung
von Kalzium entgegenwirkt). Flunarizin (Sibelium®) sollte aufgrund einer Bewertung durch das
Bundesgesundheitsamt nur bei Patienten eingesetzt werden, die unter häufigen und
schweren Migränekopfschmerzen leiden und bei denen eine Behandlung mit
Beta-Blockern kontraindiziert
(= gegenangezeigt)
ist bzw. keine ausreichende Wirkung gezeigt hat. Nach einer Studie hat sich
Cyclandelat (Natil®) zur Prophylaxe nicht bewährt.
Eine weitere Prophylaxemöglichkeit (3. Wahl) bei Migränekopfschmerzen besteht in
der Verabreichung von Serotonin-Antagonisten
(= Mittel, die dem Gewebshormon
Serotonin entgegenwirken).
Pizotifen (Sandomigran®) hat einen hemmenden
Effekt auf die Serotonin-Freisetzung im Anfangsstadium der Migränekopfschmerzen.
Lisurid (Cuvalit®), ein Ergotamin -Derivat, ist ein Serotonin
-Partialantagonist. Die Tagesdosis beträgt 0,075 mg. Im Gegensatz zu anderen
Autoren (Soyka 1989) wird diese Substanz bei uns kaum verwendet, da
bisherige Therapieversuche nicht überzeugt haben.
Zur Prophylaxe der sog. menstruellen
(= regelbedingten)
Migränekopfschmerzen soll
Sulpirid (z.B. Dogmatil®) hilfreich sein (Thoden
1986). Göbel und Soyka (1994) empfehlen eine "Kurzzeitprophylaxe"
mit 250-500 mg Naproxen, vier Tage vor der erwarteten Regel bis drei Tage
danach.
Das Derivat der Lysergsäure, Dihydroergotamin (Hydergin®) ist zur Vorbeugung von
Migränekopfschmerzen umstritten. So wird es z.B. in anglo-amerikanischen Ländern
dafür nicht verwendet.
Zur
Migräneprophylaxe
(=
Migränevorbeugung)
soll auch das Antikonvulsivum
(= Mittel gegen die Fallsucht)
Gabapentin (z.B. Neurontin®) eingesetzt werden können. Zur
vorbeugenden
Migränebehandlung
ist in Deutschland auch das Antiepileptikum
(= eigentlich ein Mittel gegen die Fallsucht)
Topiramat (Topamax®)
zugelassen. Dieses Medikament sollte aber nur bei Erwachsenen angewendet werden
und nur dann, wenn eine Therapie mit Betablockern nicht indiziert
(= angezeigt)
ist, zuvor nicht erfolgreich war oder nicht vertragen wurde.
Nach einem Bericht in der Welt (19.4.04) soll zur Vorbeugung der
Mig
räne mit
Aura auch die regelmäßige Zufuhr von Folsäure geeignet sein.
Wenn die Anfälle gehäuft (z.B. mehrmals pro
Woche) auftreten und andere vorbeugende Medikamente (z.B. Beta-Blocker) nicht
greifen, ist nach unserer Erfahrung bei Migränekopfschmerzen auch die
therapeutische
Lokalanästhesie
(= Behandlung mit
einem örtlichen
Betäubungsmittel bzw.
Lokalanästhetika)
lohnend, besonders wenn sie über 2-3 Wochen unter stationären Bedingungen 2x
täglich konsequent durchgeführt wird (Le
eser
et Hefe
rmann,
Schmerzklinik Bad
Mergen
theim 1990).
Dabei betäuben wir, wie zur akuten Behandlung schon beschrieben, die das Kranium
(= den knöchernen Schädel) versorgenden Ner
ven an ihren Austrittspunkten. Ergänzt
wird die Behandlung durch tiefe Infiltration der oft verspannten, an die
Halswirbelsäule
angrenzenden
Muskulatur.
Die Wirkungsweise dieser Behandlung ist bei Migränekopfschmerzen nicht geklärt,
vermutlich kommt es zu einer tiefgreifenden neurovegetativen Umstimmung.
Diese Wirkungsvorstellung ähnelt sehr dem neuraltherapeutischen Konzept,
allerdings mit dem Unterschied, daß statt Procain
das lang wirkende örtliche Betäubungsmittel Bupivacain
verwendet wird.
Ergänzende Methoden:
Meist werden die folgenden Methoden
ergänzend eingesetzt, d.h. als Monotherapie
(= alleinige Behandlung)
ist die Wirkung bei Migränekopfschmerzen in der Regel nicht ausreichend.
Eine der klassischen Indikationen für die
Akupunktur (Schmerzakupunktur)
sind Migränekopfschmerzen. Zur Behandlung dominieren Nadelpunkte auf dem
Gallenblasen-Meridian, so z.B. die Punkte 3, 17, 40 und 43, zusätzlich das
Lenkergefäß 25 in der Mitte der Nasenwurzel (Kossmann et al. 1986). Es
sei darauf hingewiesen, daß auch für die Behandlung der Mig
räne mit Akupunktur (noch) keine
wissenschaftlich exakten Ergebnisnachweise vorliegen.
Die transkutane Nervenstimulation mittels Niederfrequenzgenerator über
Klebeelektroden (TENS) kann bei Migränekopfschmerzen, wenn sie bei den ersten
Anzeichen einer
Kopfschmerzattacke
durchgeführt wird, durchaus eine Linderung der Beschwerden herbeiführen,
manchmal sogar den Ausbruch einer
Schmerzattacke
verhindern.
Bei vielen Patienten mit Migränekopfschmerzen fällt auf, daß auch im
schmerzfreien Intervall die an die Halswir
belsäule angrenzende Mus
kulatur, teilweise auch die
Schultermuskulatur verspannt ist. In diesen Fällen hat sich die Verordnung von
physikalischen Therapiemaßnahmen (Fango, Massagen, Kältebehandlung) und
Krankengymnastik als ergänzende Behandlung bewährt.
Manchmal kann auch durch eine manuelle Lymphdrainage im
Kopf
-/Halsbereich eine deutliche Linderung erzielt werden.
Zu erwähnen wäre auch die Hydrotherapie in Form von Wechselbädern der
Extremitäten
(=
Arme,
Beine)
und/ oder Kneippschen Güssen. Wahrscheinlich beruht der oft zu beobachtende
positive Effekt auf einer neurovegetativen Umstimmung im Sinne eines
ganzheitlichen Behandlungsansatzes.
Bewährt hat sich auch
Biofeedback (=
Registrierung und Rückmeldung bioelektrischer Signale).
Auch
psychologischen Interventionen können Migränekopfschmerzen
lindern: hauptsächlich Entspannungstechniken,
Schmerz
- und
Streßbewältigungstraining.
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